„Wenn man etwas will, findet man Wege (…)“

„Wenn man etwas will, findet man Wege. Wenn man etwas nicht will, findet man Gründe“

Obwohl dieses Zitat schon etwas abgenutzt ist, passt es immer wieder auf fast jede Lebenslage.
Besonders in meinem letzten Coaching.

– Gründe, den Job nicht zu wechseln, obwohl die Leistungen nicht anerkannt werden. Es folgte immer mehr Demotivation. Beruflich und privat.

– Die lange versprochene und nie eingehaltene Gehaltserhöhung ( Gründe, warum es zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr Geld geben kann) warfen den Coachee total aus der Bahn. Loyalitätskonfikt. Wem kann er noch Vertrauen?

– Gründe, warum man nicht zum Sport geht ( Müdigkeit, Regen, Uhrzeit…) oder das Zusammenspiel oben genannter Punkte.

– Gründe, warum man jetzt noch nicht anfangen kann, die Wohnung zu renovieren ( evtl. Besuch, gerade jetzt will ich zum Sport ( siehe oben)). Oder die Unsicherheit, ob man dafür Geld übrig hat, wenn man die versprochene Erhöhung nicht erhält und den Vorsatz hat, dann zu kündigen – und die Angst, keinen Job zu finden.

Man kann diesen Kreislauf in jede jegliche Richtung weiter beschreiben.

Wenn man sich umhört, scheint das gesamt Umfeld aus Gründen zu bestehen. Gründe, warum der Lebensunterhalt teurer wird. Gründe, warum man mehr Abgaben zahlen muss, etc.
Wir werden immer um Verständnis gebeten und bekommen ganz viele Gründe serviert, warum etwas nicht geht. In der Kommunikation sind dies oftmals absolute „Totschlagargumente“, welche unter Umständen zu totaler Demotivation und Konflikten führen können- und wie in meinem letzten Coaching- zur Kündigung eines hoch effektiven Mitarbeiters.

Stellen Sie sich einen Mitarbeiter vor. Super engagiert. Ständige Weiterqualifizierung. Gibt immer 200%. Perfekte Öffentlichkeitsarbeit. Trägt zur Steigerung des Unternehmensbildes bei. Aufgrund des Engagements steigert er mit seinem Team die Einnahmen erheblich. Überstunden- kein Thema. Prozessoptimierung- eine Selbstverständlichkeit. Er lebt seine Arbeit. Sie ist für ihn, wie er es selbst sagte „kein Job, sondern eine Berufung“

Dieser Mitarbeiter möchte nun eine entsprechende Entlohnung. Über Jahre ! hörte er, dass er sich noch etwas gedulden muss. Das alles in Planung ist. Das er total recht hat, dass etwas gemacht werden muss.
Es werden Gründe präsentiert und beschwichtigende Worte gefunden, die jede weitere Diskussion beenden.
Der Mitarbeiter vertraut dem Chef. Und wird wieder enttäuscht. Und wieder werden Gründe serviert.

Dieser Mitarbeiter hat zwischenzeitlich gekündigt. Und das Unternehmen verliert einen absolut loyalen und effektiven Mitarbeiter. Weil die Firma es nicht geschafft hat, nach Wegen zu suchen.

Der Satz von Personalleitern – „(…)auf dem Markt gibt es genug Arbeitslose, die den Job für weniger Geld machen“- hinkt. Sieht man sich die aktuellen Arbeitsmarktdebatten an, gibt es zwar sehr viele Arbeitslose. Aber die Fachkräfte fehlen.
Wenn man nun als Personaler denkt, dass jeder ersetzbar ist, stimmt dies zwar, wenn man die reinen Head-Points berechnet. Die Hard-Skills.
Aber es gibt außer den Qualifikationen noch die Soft-Skills. Und die bringen ein Unternehmen oftmals weiter, als die reinen Hard-Skills.

Als Job Coach höre ich immer wieder von Personalern, dass die Zeugnisse zweitrangig werden. Es wird zunehmend (wieder)entdeckt, dass ein guter Praktiker im Job effektiver ist, als ein perfekter Theoretiker. Wenn jemand theoretisch weiß, wie Arbeit funktioniert, bringt er einem Unternehmen nicht so viel wie der, der sie einfach macht.

Der oben erwähnte Coachee kam zu mir, weil er unsicher wurde. Demotiviert. Er hatte keine Lust mehr. Zu nichts. Er fühlt sich belogen und betrogen. Bekam zunehmend Loyalitätsprobleme. Obwohl es doch eigentlich sein Traumjob ist. Er die Potentiale direkt vor sich hat. Die Umsätze ohne Probleme weiter steigern könnte. Sich fragt: Wozu ?
Er sich seiner selbst unsicher wurde. „Bin ich wirklich gut? Mache ich mir was vor? Sind meine Vorderungen unrealistisch? Vielleicht verrenne ich mich in etwas und bin gar nicht so qualifiziert? Gar nicht so effektiv (…)?“

Und dieser Mitarbeiter erfährt dann im Coaching, dass es so viele Wege gibt, wieder zufrieden zu werden. Und glücklich. Und sich anerkannt zu fühlen.

Er bewirbt sich.

Hat innerhalb kürzester Zeit drei Vorstellungstermine. Alle werben um ihn. Zeigen ihm Wege auf. Bestätigen ihn. Räumen alle Unsicherheiten aus dem Weg. Honorieren seine Qualifikation mit entsprechendem Anfangsgehalt.
Deshalb hat er seine alte Stelle gekündigt. Und strahlt.

Natürlich war dies ein langer Weg. Es hat mehrere Settings gedauert. Auszusprechen, was man fühlt. Anzuerkennen, was man ausgesprochen hat. Umzusetzen, was man geplant hat.
Und dann den ersten Schritt „zu wagen“ und die Bewerbungsunterlagen fertig zu machen. Dann diese auch noch abzusenden….
Alle weiteren Schritte gingen dann fast wortwörtlich „von heute auf morgen“.

Und der Arbeitgeber? Sucht bei Erhalt der Kündigung das Gespräch. Ob es hier nun weitere Gründe oder Wege gibt, interessieren den Mitarbeiter nicht mehr.

Im Evaluationsgespräch erzählte er, dass er sehr engen Kontakt mit seinem Team hat. Weitere Kollegen folgen seinem Beispiel.

Dieser Coachee kann für viele Mitarbeiter ein Beispiel sein. Ich kenne einige, die solche oder ähnliche Situationen kennen.

Dieser Coachee kann aber auch ein Beispiel für Personaler sein. „Einfach“ mal Wege zu präsentieren. Und wenn keine erkennbar sind- könnte ein Coach weiter helfen.

Ihr Jens Jannasch

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Als Kritik gedacht- als Lob verstanden

Ich hatte vor längerem eine Coachee, die sagte zum Schluss unserer Zusammenarbeit, dass sie nicht weis, ob ich ihr als Coach weiter geholfen habe, da sie alles selbst erarbeiten musste und ich nur Fragen stellte. Diese zwar durch Aufstellung ihrer eigenen Antworten mit ihr bearbeitete, jedoch keine Lösungen präsentierte. Nur gelegentlich ein paar Hypothesen.
Sie sah deshalb das Coaching als nicht Erfolgreich.
Ich bedankte mich jedoch für dieses tolle Feedback, worauf sie mich verwundert ansah.

Auf die Frage hin, ob sie die zu Beginn des Coachings beschriebene Fragestellung beantwortet sieht, bejahte sie dies eindeutig. Sie fragte jedoch, was mein Anteil daran war. Sie ist mit der Erwartung gekommen, dass sie einen fertigen Business Plan erhält.
Ich erklärte ihr nochmals, worin der Unterschied zwischen einem Berater und einem systemischen Coach liegt. Und dass ich mich freue, wenn ihre Rückmeldung ist, dass sie alles alleine machen musste. Dass sie alle offenen Fragen selbst beantwortet hat, ohne von mir etwas fertig präsentiert bekommen zu haben. Dass es wichtig war, dass einige ihre Fragestellung betreffenden Punkte nur von ihr selbst gelöst wurden.
Sie lächelte und sagte, dass sie das aus dieser Perspektive noch gar nicht gesehen hat.
Heute bekam ich eine Terminanfrage. Eine Empfehlung dieser Coachee.

Und so kann es kommen, dass ein als Kritik gedachte Punkt in der systemischen Arbeit durchaus ein großes Lob sein kann.

„Vom Unsinn des Sinns…“ Watzlawick immer wieder neu entdecken

Ich habe nach langem mal wieder das Buch „Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns“ von Paul Watzlawick gelesen. Schon beim ersten Lesen vor ein paar Jahren hatte ich hier viele „Aha“- Momente, die mir bei meiner täglichen Arbeit- aber auch bei meiner Betrachtungsweise allgemein sehr geholfen haben.
Nach dem ich jetzt einige Zeit coache sehe ich viele Dinge mit noch mehr Verständnis und Bestätigung bei meiner Arbeit.
Da ich auch oft Menschen mit psychischen und/ oder geistigen Einschränkungen coache, fand ich die Passage “ Das Zusammenspiel von „innen“ nach „außen“spannend.
Hier beschreibt Watzlawick in einem Beispiel das Paarungsverhalten zwischen während der Invasion stationierten amerikanischer Soldaten und englischen Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg.
„Hier stießen Wissenschaftler auf einen Widerspruch. Die englischen Frauen bezeichneten die amerikanischen Soldaten als sexuell direkt. Merkwürdigerweise aber sagten die Amerikaner von den englischen Mädchen genau dasselbe.“(Watzlawik,Paul,1999,S.25)
Der Grund waren die unterschiedlichen Kulturkreise. Die Amerikaner küssten recht schnell. Im Paarungsverhalten der Engländerinen kam der Kuss im „Paarungsablauf“ aber recht spät.
Sie dachten deshalb: „der ist aber forsch!“ Entweder sind sie empört gegangen- oder haben sich ausgezogen. Bei letzterem waren die Amerikaner wieder verwundert und dachten: „na die ist aber forsch!“ – sind entweder gegangen- oder geblieben.

Es trafen also zwei Kulturkreise mit unterschiedlichen Ansichten über das Paarungsverhalten zusammen. Jeder dachte vom anderen „na holla“…..

Was dieses Beispiel mit meinen Coachings zu tun hat?

Nun ja. In unserer „Gesunden“ Weltvorstellung gibt es für bestimmte Dinge in unserem System festgelegte Abläufe. Oder Regeln, an die man sich hält. Weil man es so gelernt hat. Weil man so erzogen wurde. Deshalb ist dies unserer Wahrnehmung nach das richtige. Die Norm. Alles andere sind Abweichungen.
Mit dieser Norm- oder diesem Wert hat übernimmt man auch eine Coachinghaltung.
Ich finde, man sollte sich mal Gedanken über seine Werte machen. Über seine Coachinghaltung.
Und dazu genau dieses Beispiel von Watzlawick vor Augen haben.
Und sich die Frage stellen: sind nur meine Werte die richtigen und die anderen weichen ab? Bin ich der Amerikaner oder die Engländerin?
Wie ist as bei Menschen mit psychischen und- oder geistigen Einschränkungen?
Hier ist es leider immer noch so, dass die Außenwelt diesen Menschen in allen Lebensbereichen sagt, was richtig ist und was falsch. Sie teilweise probiert in Normen und Systeme zu pressen, in die sie aber nicht rein passen. Nicht rein wollen. Nicht rein können.
Ich habe gelernt, mir zu Beginn des Settings mit diesen Coachees das System in dem sie leben erklären zu lassen. Mit Fragen wie:“ was muss ich fühlen, um so zu fühlen wie Sie…“ oder “ was muss ich sehen, um die Fragestellung so zu sehen wie Sie“
Das bringt den Coachee zum einen dazu, über sein System genauer nachzudenken um dies verbal zu äußern. Und für mich gibt es die Chance, ein Stück weit seine Werte, seine Norm, seine Welt nachvollziehen zu können- oder zumindest grob zu erfassen. Um mich dann auch auf andere Fragestellungen einzustellen.
Bei Menschen mit geistigen Einschränkungen ist dieses Thema noch spannender. Sie können sich teilweise nicht so artikulieren, dass man ihr System erfassen kann. Hier ist die Aufstellungsarbeit ein grandioses Werkzeug dies zu erarbeiten. Für beide Seiten. Für mich als Coach um die Struktur zu verstehen, in dem ich die Regungen sehe und gezieltere Fragen zu stellen.
Für die Coachees in der Aufstellungsarbeit zu fühlen, was für sie richtig oder falsch, gut oder schlecht etc. ist. Sie spüren es. Die Gefahr, dass ich mich nicht verständlich genug Ausdrücke oder sie durch ihre Einschränkungen sich nicht äußern können und dadurch Missverständnisse aufkommen, ist beim erleben und fühlen fast nicht vorhanden.
Ich hatte während meiner Coachingsettings im Rahmen meiner Zertifikatsarbeit für die FU Berlin Coachees, die durch die Aufstellungsarbeit das erste mal in ihrem Leben ihre eigene Meinung, ihren eigenen Wunsch geäußert haben. Die geweint haben, weil sie dieses Gefühl bisher nicht kannten. Alle zuvor genannten Wünsche und Ziele waren von Betreuern, Eltern etc. vorgegebene Ziele. “ wir wissen, was für Dich gut ist“ ist immer noch ein weit verbreitetes Instrument der Lebensplanung für Menschen mit Einschränkungen.
Natürlich ist hier die Gratwanderung zwischen Coaching und therapeutischer Arbeit sehr schmal.
Vor Beginn gibt es hier auch klare Absprachen, was im Coaching erarbeitet wird und was nicht. Die Sensoren des Coaches müssen hier noch schärfer sein um gleich zu intervenieren. Um die Grenze klar zu ziehen. Um keine „Laienpsychologie“ zu betreiben.
Ich habe auch schon einmal ein Setting unterbrochen, da hier zunächst therapeutische Aufarbeitung notwendig war. Aber auch in diesem Fall hat das Coaching geholfen. Es war durch eine zu Beginn „oberflächliche Fragestellung“ der Türöffner zur Aufarbeitung eines Problems mit einem Psychologen. Die Rückmeldung vom ehemaligen Coachee ist, dass er ohne diese Coachingstunde wahrscheinlich die nächsten Jahre diesen Schritt nicht gemacht hätte.

Zurück aber zu Watzlawicks Beispiel. Welches Weltbild, welchen Wert, welche Kultur bin ich, verkörpre ich? und viel wichtiger: Welche Werte, welches Weltbild, welche Kultur ist mein Gegenüber?
Natürlich ist es einfacher von seinem System aus zu gehen. Aber zum Glück geht es im Coaching nicht um den einfachen Weg.
Sondern um den richtigen.
Um den Weg des Coachees.